Grosszügiger als der Weihnachtsmann...

Liga-Cup
Zweite Sieger im Cupfinal

Die Erwartungen auf Gossauer Seite waren nach dem Halbfinal-Sieg gegen Oekingen hoch, umso mehr als vor sechs Wochen ein wirklich starkes und solidarisches Team mit einer überragenden Torhüterin bejubelt werden durfte. Zudem fanden nicht wenige Experten, dass wer Oekingen schlagen könne auch im Final nicht zu stoppen wäre, und sie zählten tausend Gründe auf, weshalb die Siegerinnen aus dem Zürcher Oberland kommen müssten. Häufig erwähnt wurde die deutlich grössere Cupfinal-Erfahrung mit dem sechsten Endspiel in den vergangenen 8 Jahren. Und ganz besonders arrogante «Fachleute» meinten gar, dass welsche Hockeymannschaften in Analogie zum Eishockey - und lieferten gleich den HC Fribourg Gottéron als Beweis nach - ohnehin keine Titel gewinnen könnten...

Und es kam wie so oft wieder einmal anders als es die neunmalklugen Auguren vorausgesagt hatten. Nein, unterschätzt haben die Gossauerinnen ihre Gegnerinnen aus Semsales keineswegs, die Niederlage vor vier Jahren im ersten Playoff-Finalspiel war den meisten noch präsent, und sie wussten durchaus um die Stärken der Semsaloises.

Etwas überraschend war dann die Aufstellung der Gossauerinnen doch noch. Zwar sind sie mit Lara Sigrist und Nadja Seitz auf der Torhüterposition hervorragend besetzt, aber erwartet hätte man doch eher die formstärkere Nadja Seitz zwischen den Pfosten. Wurde da schon ein Rückstand zur ersten Drittelspause kalkuliert, um dann einen einen starken Trumpf ins Spiel zu bringen? Wir wissen es nicht. Zudem wurde die erfahrene, durch zahllose Finalspiele gestählte und zweitbeste Saison-Skorerin, Sibylle Tanner zunächst auf der Bank belassen. Auch diese Massnahme war nicht jedem verständlich.

Und gerade Erfahrung wäre in den ersten Minuten des Spiels nötig gewesen. Beiden Teams sah man die Nervosität an und in dieser Phase verpassten es die Zürcherinnen ihre Gegnerinnen mit einem Treffer noch mehr zu verunsichern. Das gelang nicht, im Gegenteil, Semsales konzentrierte sich auf eine solide und eingespielte Defensive, machte den Zürcher Oberländerinnen das Leben schwer und wartete clever auf einen Fehler. Und er kam der Fehler, und wie er kam. Ein kapitaler Bock - die Verursacherin wollen wir hier nicht erwähnen -, wie wir ihn gefühlten 100 Spielen noch nicht gesehen haben, war das erste grosszügige Geschenk, dass Semsales einfach nicht ablehnen konnte. Und der Schock war so gross, dass genau 15 Sekunden später der nächste noch kaptialere Bock geschossen wurde. Auch da hüllen wir den Mantel des Schweigens über die Urheberin, welche den Ball leichtsinnig vertändelte und Roxanne Desplands ein weiteres Geschenk offerierte. Damit war die Nervosität bei den Fribourgerinnen selbstredend weggewischt und die Zürcherinnen brachten kaum mehr ein Bein vor das andere. Das dritte Tor der vermeintlichen Aussenseiterinnen - schön herausgespielt und unhaltbar - war dann die logische Konsequenz. Coach Leimbacher wollte nun ein Zeichen setzen und wechselte die Torfrau aus, aber die Wirkung dieser Massnahme war kaum zu sehen.

Auch die Pausenansprache, was auch immer diese beinhaltete, zeigte keine Wirkung, und im zweiten Drittel ging es im gleichen Trott weiter. Semsales mit einem soliden 3:0 im Rücken liess defensiv nichts anbrennen, wartete auf seine Möglichkeiten und nützte drei davon eiskalt zum zwischenzeitlichen 6:0 bei Hälfte des Spiels. Die Gossauerinnen mühten sich redlich, aber auf der Resultat-Tafel konnte das zunächst nicht sichtbar gemacht werden, bis dann Andrea Eglauf, die mit Abstand stärkste Gossauerin, mit einem satten Weitschuss auch die Zürcher Oberländerinnen auf die Skorerliste brachte. Ein Fünkchen Hoffnung kam dadurch zurück.

Es konnte nur noch ein Wunder helfen und selbst Gossauer haben sogar im Wankdorf schon Wunder erlebt. Offenbar zeigte die zweite Pausenansprache mehr Wirkung und kurz nach Wiederaufnahme des Spiels markierte Andrea Eglauf auf Zuspiel von Sibylle Tanner das 6:2. Kurz darauf hatten die Gossauerinnen Gelegenheit im Powerplay noch einmal nachzulegen. Das gelang leider nicht, aber Gossau wurder stärker und Semsales wurde wieder nervöser bis dann wieder der Weihnachtsmann seinen Auftritt hatte. Ein harmloser, aber unerwarteter Rückpass flutschte der Gossauer Schlussfrau zwischen den Beinen ins Tor und die geplante Aufholjagd erlitt einen herben Dämpfer. Aber die Zürcherinnen gaben nicht auf und tatsächlich, Nadine Marty mit einem herrlichen Weitschuss und Andrea Eglauf - immer wieder sie - sorgten mit einem Doppelschlag innerhalb von 10 Sekunden zum 7:4 und damit wieder für Spannung. Das Wunder schien nun plötzlich möglich, waren doch noch mehr als 10 Minuten zu spielen. Coach Ludovic Vial hatte aber wenig Verständnis für Gossauer-Wunder, bezog sein Timeout und fand offenbar die richtigen Worte. Trotz stetigem Anstürmen - auch mit 4 zu 3 ohne Torhüterin - konnte Gossau nicht mehr weiter verkürzen, im Gegenteil zwei weitere Treffer der Fribourgerinnen mussten noch geschluckt werden und so siegte zum ersten Mal eine Equipe aus der Suisse Romande, die UHT Semsales an einem Cupfinal.

Der Sieg von Semsales war am Ende absolut verdient und keineswegs gestohlen. Sie waren das erwartet clevere Team, das seine Möglichkeiten optimal ausspielen konnte, aber auch die Gossauer Geschenke dankbar annahm. Wir gratulieren zu diesem Triumph herzlich. Bei Gossau lief nicht alles so rund, wie man es hätte erwarten dürfen. Der Leistungsunterschied verglichen mit dem Halbfinal gegen Oekingen war für viele unerklärlich. Die Gossauer Equipe - mit einer Ausnahme - erweckte beim Aussenstehenden über weite Strecken einen extrem verunsicherten Eindruck, ja einzelne schienen gar überfordert gewesen zu sein.

Schade, es wäre mehr dringelegen. Es gilt nun das Geschehene zu analysieren, die Lehren zu ziehen und die Aufmerksamkeit auf die bevorstehenden Playoffs zu lenken. Gossau wird die Gruppenphase auf Platz zwei abschliessen und hat damit Heimrecht in den Viertelfinals. Dort wartet der Dritte der Westgruppe und das wird mit grösster Wahrscheinlichkeit ... UHT Semsales sein!

 

UHT Semsales – UHCevi Gossau 9:4 (3:0, 3:1, 3:3)
Sporthalle Wankdorf, Bern. – 878 Zuschauer. – SR Dominik Etzensperger.
Tore: 12. A. Vial 1:0, 12. R. Desplands 2:0, 17. M. Vial (F. Ecoffey) 3:0;
26. R. Desplands 4:0, 27. A. Vial 5:0, 29. F. Ecoffey (A. Vial) 6:0, 36. A. Eglauf (S. Tanner) 6:1;
43. A. Eglauf (S. Tanner) 6:2, 48. C. Bapst (Eigentor) 7:2, 50. N. Marty (N. Brecher) 7:3, 50. A. Eglauf (N. Marty) 7:4, 54. C. Dafflon 8:4, 55. C. Dafflon 9:4.
Strafen: UHT Semsales 1-mal 2 Minuten (Gardiol), UHCevi Gossau keine Strafen.
UHT Semsales: Favre, Chassot; Ecoffey, Diserens, Bapst, Desplands, Galley, Stuby, A. Vial, Meyer, Gardiol, M. Vial, Piller, Dafflon, Beaud.
UHCevi Gossau: Sigrist, Seitz; Marty, Weber, Eglauf; Guillod, Monhart, Brecher; Tanner, Krieger, Arnold; Stettbacher.
Bemerkungen: 49:50 Tiemout Semsales, 57:37 Timeout Gossau, Bestplayer Semsales: Malorie Vial, Bestplayer Gossau: Andrea Eglauf.