Wer am Sonntag-Abend bezüglich Spannung auf die Rechnung kommen wollte, war zu Hause beim «Tatort» definitiv an der falschen Adresse. Spannung sowie Dramatik pur und alles erst noch mit Happy-End lautete das Programm, das die Frauen des UHCevi Gossau für ihre Fans bereit hielten.
Nach der klaren 5:1 Hauptprobe in der letzten Meisterschaftsrunde dachten wohl viele, dass sie mit dem Ligacup-Viertelfinal gegen Muotathal das Wochenende locker ausklingen lassen würden und die Warnungen einfach ignorierten, dass der klare Sieg erst in den Schlussminuten mit zwei Empty-Nettern zustande gekommen war, als die Thalerinnen mit 4:3 alles auf eine Karte setzten.
Und die Anhänger vom lockeren Abend schienen nach knapp zwei Minuten recht zu bekommen, als Andrea Eglauf ihre Farben in Führung brachte. Aber dann kam das geplante Drehbuch ins Stocken. Muotathal blieb dran, nützte seine wenigen Chancen - waren das überhaupt Chancen? - mit einer brutalen Effizienz und egalisierte Gossaus Führung zweimal. Die Oberländerinnen betrieben für ihre Tore einen deutlich höheren Aufwand, konnten gar eine Zweiminuten Strafe nicht nützen und als dann endlich nach dem gefühlten zehnten Versuch Sharon Ulrich das 3:2 gelang, kam von den Schwyzerinnen prompt wieder eine Antwort. Und plötzlich waren die Aussenseiterinnen im Spiel. Nach einem spektakulären Bigsave von Sereina Bolliger und einem Pfostenschuss der Thalerinnen mussten auch die UHCevi-Anhänger feststellen, dass der ausgeglichene Spielstand nicht ganz unverdient war. Nina Brecher sorgte dann mit dem 4:3, dass zur ersten Drittelspause ein knappe Führung der Einheimischen auf der Anzeigetafel stand.
«Alles im Grünen», war der Tenor bei den verschiedenen Pausengesprächen. Gossau mehrheitlich im Ballbesitz, viel mehr Abschlüsse als die brutal effizienten Gegnerinnen, welche das keinesfalls über das ganze Spiel durchziehen könnten, lautete das Fazit und man wartete auf das zweite Drittel, in welchem nun die Favoritinnen gemäss Drehbuch der Fans davon ziehen sollten.
Kaum hatte das Drittel begonnen schepperte es auch schon am Pfosten der Thalerinnen, nachdem Tabea Arnold abgezogen hatte. Gossau drückte, Muotathal konterte und schon war der Ausgleich Tatsache. Eine Zweiminutenstrafe konnten nun auch die Schwyzerinnen nicht ausnützen und trotzdem lagen sie nach gut der Hälte des Spiels zum ersten Mal in Führung. Die Zürcher Oberländerinnen waren zwar bemüht, aber es gelang ihnen bis zum Pausentee nicht mehr viel.
«Muss man nervös werden?» Die Mienen der Zürcher Anhänger waren nun ziemlich besorgt. «Wenn man keine Tore schiesst, kann man nicht gewinnen», wurde gefloskelt und trotzdem war man überzeugt, dass Coach Leimbacher die richtigen Worte finden würde. Adi Vollenweider, der Herren Coach höchst persönlich, schoss nun Torhüterin Nadja Seitz warm. Ein erstes Zeichen, dass im letzten Drittel etwas gehen sollte. Zudem liess Leimbacher zunächt nur noch zwei Blöcke aufspielen, um den Rhythmus zu erhöhen.
Und erneut wurde das schon x-mal umgeschriebene Drehbuch nicht eingehalten. Anstelle der geplanten Aufholjagd waren es die Schwyzerinnen, die zunächst mit einem Pfostenknaller und anschliessend mit einem Doppelschlag auf 4:7 davonzogen. War's das schon? Sybille Tanners 5:7 nach einem klugen Pässchen von Sharon Ulrich beendete zwar die mehr als 30-minütige Torflaute, aber war das nun das Signal zur Aufholjagd? Das fragte man sich auch auf der Muotathaler Seite und nahm umgehend das Timeout, welches alsobald Wirkung zeigte. Keine Minute später war mit dem 5:8 der Dreitoreabstand wieder hergestellt und der Geschichtenschreiber überlegte schon, wie er das sensationelle Ausscheiden der Zürcher Favoritinnen gegen die Schwyzer-Aussenseiterinnen erklären sollte. Doch was jetzt kam - wäre das so in einem Drehbuch gestanden, man hätte das als zu kitschig zurückgewiesen - wird wohl in die Geschichte eingehen. Innerhalb drei Minuten wurde das 5:8 in ein 10:8 umgewandelt. Da hatte man 30 Minuten an der Ketchupflasche herumgedrückt, nichts kam heraus und nun plötzlich der ganze Inhalt! Die Gossauerinnen waren längstens in einen Spielrausch geraten, von den bezeichneten Blöcken war nichts mehr zu sehen. Jede spielte mit jeder und die Thalerinnen wussten nicht wie ihnen geschah. Und trotzdem wurde es noch einmal spannend. Tanja Herrmann nahm dann einen Zweiminüter und Gossau war im Boxplay gefordert. Diese Gelegenheit liess sich Regisseur Alfred Hitchcock natürlich nicht entgehen und genau bei 55:55 war der Powerplay-Treffer der Thalerinnen (nein, es war nicht Captain Corinne Heinzer, die Nummer 55...) Tatsache. 10:9, die Spannung kaum mehr auszuhalten. Gut zwei Minuten vor Ende hatte dann die beste Spielerin des Abends, Sharon Ulrich, ein Einsehen mit den strapazierten Nerven der Beteiligten und netzte zum 11:9 ein. Den Rest spielten die Gossauerinnen routiniert herunter. Die Thalerinnen versuchten auch nicht mit 4:3 - ihr Timeout war schon verbraucht - noch etwas zu erzwingen und nach der Schluss-Sirene lagen sich alle in den Armen. Der Thriller hatte sein Happy-End.
«Nur» noch ein Sieg fehlt bis nach Bern und trotzdem ist der Weg noch weit. Die Gegnerinnen werden immer hochkarätiger. Aber wie die Gossauerinnen einen schon beinahe hoffnungslosen Rückstand drehten, war schon beeindruckend und stimmt zuversichtlich für die kommenden Aufgaben.
24:28 Reichmuth 4:4, 32:15 Reichmuth 4:5;
43:51 Schuler 4:6, 44:56 Reichmuth 4:7, 47:57 Tanner (Ulrich) 5:7, 48:42 C. Herger 5:8, 49:42 Ulrich (Tanner) 6:8, 50:52 Ulrich 7:8, 51:43 Guillod (Ulrich) 8:8, 52:01 Marty (Herrmann) 9:8, 52:58 Brecher 10:8, 55:55 Gisler 10:9 (PP), 57:26 Ulrich 11:9.
